

Die Alex Corner Story
Ich hatte meinen 23. Geburtstag an dem Tag, an dem John Lennon erschossen wurde. Bloßer Zufall? Das glaube ich kaum.
Hi, mein Name ist Alex. Wobei eine für mein Leben wichtige Person mich stets John nannte. Nicht etwa wegen John Lennon. Der Grund war meine große Liebe zu John Coltrane, der mir – seit ich 14 war – den musikalischen wie spirituellen Weg weisen sollte. Nicht, dass ich selbst Musiker geworden wäre. Dazu fehlte mir schlichtweg die nötige Koordination über meine linke und rechte Hand. Streicher schieden also von Vorhinein aus. Nicht einmal die Gitarre wollte mir zur Freundin werden. Und das, obwohl ich Größen wie Jimi Hendrix, Jimmy Page, Peter Green, Frank Zappa und all die anderen Gitarren-Magier stets zutiefst bewunderte. In der Schule wurde ich mit der Blockflöte gequält; etwas später versuchte ich mich an der Klarinette, nachdem ich Eric Dolphy auf der Bassklarinette gehört hatte. Doch auch Rohrblattinstrumente wollte ich einfach nicht meistern. Vielleicht wären Schlagzeug und Percussion etwas für mich gewesen – doch wer im Haus hätte wohl den Lärm eines Anfängers am Schlagzeug ertragen? So blieb mir letztlich nichts anderes übrig, als Musikliebhaber zu werden. Wie es der Zufall wollte, eröffnete Ende der achtziger Jahre ein Musikgeschäft genau in jenem Haus, in dem ich damals mit einer Filmstudentin wohnte. Es war die Blütezeit der CD. Jedermann trennte sich von seinen Vinylplatten, um stattdessen auf den digitalen Klang umzusteigen. Da ich zu jener Zeit vollkommen dem Kino verfallen war, hatte auch ich mich bereits von meiner Vinylsammlung getrennt, die ich Anfang der achtziger Jahre in St. Louis erworben hatte. Damals war ich als Austauschstudent in den USA gewesen, bevor ich nach München zurückkehrte, um dort die Filmhochschule zu besuchen. Von dem Moment an, als Dock – der Besitzer des CD-Ladens in unserem Haus – meinen Namen erfuhr, rief er mir jedes Mal „Alexis Sorbas“ hinterher, wenn sich unsere Wege kreuzten. Gar nicht übel, dachte ich mir damals als eingefleischter Cineast. Immer noch besser als „Ali Baba“ – jener Spitzname, den man mir in meiner Kindheit verpasst hatte. Und Dock‘s Laden sorgte dafür, dass ich wieder zum absoluten Musik-Freak mutierte. Ich begann, ihm fast seine gesamte Jazz-CD-Auswahl abzukaufen – angefangen bei „Trane“ und Miles. Gegen Ende meiner Zwanziger verlagerte sich meine Leidenschaft – die zuvor den Filmen und dem Filmemachen gegolten hatte – nun vollends auf die Musik. Anstatt sämtliche großartigen Filme zu sichten, die jemals gedreht wurden, entwickelte ich nun die fixe Idee, mir all die hörenswerte Musik der Welt anzueignen. Ein wohl von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Ebenfalls in jener Zeit lernte ich, ein audiophiles Hi-Fi-System zu schätzen – die unverzichtbare Voraussetzung, um Musik in vollen Zügen genießen zu können. Anfangs hörte ich meist über Komponenten, die in Japan gefertigt worden waren. Doch schon bald wurden Produkte mit dem Label „Made in the UK“ zu meinen absoluten Favoriten sowohl bei Lautsprechern als auch bei Verstärkern. Zudem scharte ich Gleichgesinnte um mich, die denselben Traum von einer perfekten Musikwiedergabe teilten. Ich lernte etliche Weggefährten kennen, deren Hingabe an die Klangreproduktion sich zu einer regelrechten Obsession steigerte – so sehr, dass sie ihretwegen ihre Familien und ihre Jobs aufgaben. Oder vielmehr, dass ihre Ehefrauen sie verließen, da das gesamte Gehalt für immer teurere Lautsprechersysteme und Hi-Fi-Elektronik draufgingen. Nach meinem Abschluss an der Filmhochschule und einigen ersten Erfahrungen im Filmbusiness verbrachte ich meine Nächte damit, an meinem ersten großen Spielfilmdrehbuch zu schreiben – und tagsüber fuhr ich Taxi, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Leider wurden meine Drehbücher abgelehnt, sodass ich mich stattdessen beim Fernsehen über Wasser halten musste. So bot mir die Musik einen willkommenen Ausgleich zu den Frustrationen des Fernsehgeschäfts.
In den frühen 2000er-Jahren eröffnete ich mein erstes Musikfachgeschäft. Da sich das Ladenlokal in einem denkmalgeschützten Eckgebäude befand, nannte ich es „alex corner“. Der Name ist eine Anspielung auf den britischen Bluesmusiker Alexis Korner (der übrigens wie Alexis Sorba ebenfalls griechische Wurzeln hatte). Und da der Jazz seinen Ursprung im Blues hat, schien dies ein passender Name für einen Neuanfang zu sein.
Noch im selben Jahr fügte es sich, dass ich ein weiteres Geschäft eröffnete – das sich ebenfalls in einer Ecke befand. Und zwanzig Jahre später – die früheren Läden waren inzwischen geschlossen, da ich nun auch für meine Frau und die beiden Kinder den Lebensunterhalt verdienen musste – eröffnete ich erneut „alex corner“, jetzt mit dem Eingang um die Ecke.
Dies hier ist also lediglich das Prequel; die eigentliche Geschichte von „alex corner“ beginnt erst jetzt im Jahr 2026.
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